Das perfekte Fotostudio

Das eigene Studio ist der große Traum vieler Fotografen und Medienschaffender. Ein Raum ganz und gar für die eigene Kreativität. Aus den letzten 15 Jahren mit eigenen Studios wurde mir jedoch schnell klar, dass der Traum gar nicht so übermässig stark bewertet werden sollte, sondern objektiv auch auf viele Jahre hin berechnet werden sollte. Denn der wahre Künstler, kann aus jedem Ort ein Studio machen und wenn ich jetzt z.B. die Mietzahlungen der letzten 12 Jahre aufrechne, könnte ich mir mittlerweile eine eigene Immobilien kaufen und lieber einen kleinen Kredit abbezahlen.

1. Wann macht ein Studio Sinn?

Ein eigenes Studio macht aus meiner Sicht dann Sinn, wenn man es langfristig halte möchte und auch eine gewisse Auslastung hat, so dass man es ständig bespielen kann. Die Verantwortung, jeden Monat Miete zu zahlen, in guten wie in schlechten Zeiten, hat schon ein Gewicht, mit dem umgehen können sollte. Man ist durch das Studio auch ortsgebunden, hat jedoch eine feste Adresse und ist für Kunden vor Ort definitiv einfacher zu finden. Auch der eigene Workflow und eben auch Stil kann in einem dauerhaften Studio besser organisiert werden. Vor allem Fotografen, die sich auf Produktofografie oder Studioporträts spezialisiert haben, geniessen daher den Luxus, ein eigenes Studio zu unterhalten. Dort ist es auch viel einfacher die ganzen Hilfsmittel unterzubringen, als ständig mit einem kleinen LKW die benötigte Technik durch die Gegend zu fahren.

2. Wie startet man ein eigenes Fotostudio?

Gute Flächen für ein Fotostudio findet man eher in alten Industriebauten, weil hier die Deckenhöhe mehr Spiel erlaubt. Die Decke darf ruhig hoch hängen, damit viel Platz für das Drumherum ist. Auch große Fenster mit viel Tageslicht sind vorteilhaft. So gibt es ein wunderschönes „Basislicht“, dass man mit ein bisschen Blitz sehr schön erweitern kann. Ein Aufzug ist natürlich von Vorteil, auch wenn das ganze eine Küche und Bad mit Dusche hat.

Tipp: Wer ein neues Fotostudio beginnt, braucht gute Handwerker. Am besten im Familien- oder Freundeskreis, dann macht es einfach mehr Spaß zusammen Wände herauszureißen, neu zu verputzen, zu streichen, Fussboden zu verlegen und die Elektrik so zu planen, dass man in jeder Ecke auch Steckdosen für den Fall der Fälle hat. Die Fenster sollten auch verdunkelbar sein, denn das Tageslicht ist nicht immer ein Segen und manchmal ist es einfacher, das Licht zu 100% selbst setzen zu können.

3. Was brauche ich noch?

Zum Studio gehören auch Möbel. Diese werden oft als Accessoires gebraucht. Das gilt auch für originelle Hintergründe. Technische Hilfsmittel, wie z.B. einem Lichtsystem, Stative oder Reflektoren sind natürlich auch Du zusätzlich zur Studiomiete anbieten kannst. Jedoch ist beim Vermieten von Technik auch immer eine Endkontrolle nötig, ob alles auch unbeschädigt übergeben wurde. Schon deshalb sollte man bei den üblichen Technikverleihern wie DRS, RentOne oder Calumet schauen, wo das eigene Equipment im Wert steht und wenn möglich auch eine Technikversicherung dazu abschliessen.

Die Einkaufsliste

  1. Studiolichtsystem – LED oder Blitz, am besten 3 Lichtquellen zur Konstruktion von Sets z.B. von ProFoto
  2. Hintergünde – Papier, oder die nachhaltigere Variante mit handbemalten Leinwänden
  3. Stative – alles was Rollen hat und stabil ist, z.B. von Manfrotto
  4. Reflektoren und Diffusoren – zum passiven Gestalten von Licht & Schatten
  5. Der Barhocker – So bleibt das Modell entspannt und zappelt nicht
  6. Der Tritthocker – perfekt zur bequemen Standverbesserung bei Porträts
  7. Styroporwände in schwarz/weiß z.B. von Delight Rent

Tipp: Wenn Du Dir ein neues Studio einrichtest, kannst Du natürlich auch mit gebrauchter Technik starten. Ich habe damals mein erstes Lichtsystem direkt vom Markenhersteller nach einer Messe erworben und einen guten Rabatt bekommen. Die besseren Stative habe ich mir auch erst mit der Zeit angeschafft, man macht jedoch nichts falsch, gleich von Anfang an auf Qualität zu setzen.

5. Vermietung?

Ein offensichtlicher Vorteil der Vermietung liegt in den zusätzlichen Einnahmen. Aber auch in der Erweiterung des eigenen Netzwerks. Man lernt verschiedene Arten von Produktionen kennen, bei denen Du andere Fotografen, Models, Make-Up Artists triffst und spannende Kontakte knüpfen kannst. Du siehst andere Künstler bei der Umsetzung oder Vorbereitung ihrer Sets und Lichtaufbauten, die Dich auch wieder inspirieren. Und Du erlebst sicher auch die ein oder andere lustige Geschichte hinter den Kulissen.

Der Nachteil ist, es macht auch viel Arbeit. So ein Studio braucht auch Aufmerksamkeit und die Vermietung muss koordiniert werden. Die Produktionen wollen im Vorfeld betreut, das Studio vorbereitet und die Technik zur Übergabe organisiert werden, dazu kommen die administrativen Aufgaben von der Akquise über Buchhaltung bis zum zum Zahlungsverzug. Produktionen beginnen meistens früh und laufen dann bis in den frühen, manchmal auch späten Abend hinein.

Die eigenen Sets lässt man dann seltener stehen, weil es ja eben auch noch andere Mietnutzer gibt, die evtl. auch ohne Technik mieten. Dann braucht man ein gutes abschliessbares Schranksystem, um die Technik zu verstauen und einen handlichen Werkstattwagen, sowie die ein oder andere Abstellkammer.

Tipp: Egal wie gut ihr jemanden kennt, Benefizkonzerte im eigenen Studio am besten noch mit einer Live-Band und auch nur ein paar Gästen, klingen zwar toll, doch enden zumindest in unserer Nachbarschaft fast immer mit einem Einsatz von netten Beamten in Uniform. Der Zweck und der Zeitraum sollte daher etwas genauer definiert werden, damit es keinen Ärger mit den Nachbarn gibt.

4. Die Vermarktung

Wenn das Studio steht, ist es Zeit den Teppich für andere auszurollen und gerade in der unmittelbaren Nachbarschaft ansässige Fotografen zu finden, für die das interessant wäre. Als Start ist eine eigene Webseite mit allen wichtigen Informationen Pflicht und ein unverzichtbares Werkzeug bei der Kundengewinnung. Viele Produktionen wollen genau wissen, wie das Studio geschnitten ist, welche Sichtachsen sich potenziell ermöglichen, wie schnell das Internet ist, ob es eine teil- oder vollausgestattete Küche gibt, ein Bad mit Dusche, einen Aufzug, Musik, Kaffee, etc. Es dauert ein Weilchen, bis man seine Stammkunden gefunden hat, aber wer glücklich ist, kommt meistens wieder.

ultimatives Upgrade: Die große Chance kommt gerade mit dem wachsenden Interesse an Studios für Live-Formate mit gleichzeitiger Aufnahme und Übertragung von Veranstaltungen.

PS: Wie es bei mir losging

„Miete deinen Spielplatz!“ – Das war das Motto, als sich 2009 auf einmal die Gelegenheit bot, ein Fotostudio in Berlin zu eröffnen. Die Fläche war viel zu groß, etwas herunter gekommen, jedoch auf eine angenehme, inspirierende Weise. Mit dem Tageslicht durch die alten Fenster in Südlage schien der Ort perfekt. Der Lastenaufzug hatte auch seinen nützlichen Charme und nur wenig Allüren. Die Ideen begannen zu sprudeln, was wäre wenn…?

Fotostudio Berlin

Die einzige Möglichkeit das Studio nachhaltig zu finanzieren, so schien es damals, war durch die Vermietung an andere Produktionen. Mit der Lage im 4. Stock war es nicht das typische Ladengeschäft, wo man sich hinsetzt und auf Kunden wartet. Also wurde es ein flexibler Ort zum Arbeiten für Fotografen, Filmemacher, Interviewer und sogar Workshops und Roadshows. Ein bisschen Freiraum muss sein, Abwechslung auch. Schon allein, um seine Kreativität nicht komplett zum Reproduzieren von biometrischen Passbildvorlagen zu missbrauchen.

Und hier ein paar Eindrücke aus dem Studio heute