Porträtfotografie Berlin

Das Porträt – oder warum wir alle visuell verstört sind

Das Porträt – oder warum wir alle visuell verstört sind

Gleich vorweg: ich mag mich selten selbst auf Bildern. Vielleicht bin ich deshalb auch Fotograf geworden. Es ist gar nicht so einfach gute Porträts von normalen Menschen wie mir und Dir zu machen, es ist eine anspruchsvolle Herausforderung. Aber warum eigentlich? Es ist einfach: Da gibt es einfach zu viele Variablen. Allein schon die Frage, wie gut ich in der Nacht zuvor geschlafen habe. Und meistens bin ich immer etwas aufgeregt vor einem öffentlichen Termin, so sehr, dass ich oft erst spät einschlafe und auch noch in der Nacht darüber nachdenke, was morgen alles passieren wird und wie…Zu verkopft halt. Aus der Erfahrung weiß ich, es geht nicht nur mir so. Die meisten Menschen haben eine regelrechte Angst davor im Rampenlicht zu stehen. Das ist natürlich auch okay. Es kann ja nicht jeder plötzlich Youtuber werden wollen. Aber dann und wann braucht man einfach ein gutes Foto von sich, dass einen begleitet. Im Lebenslauf, in den sozialen Netzwerken und manchmal auch auf den Online Dating-Portalen, obwohl die ja oft eher ein Überangebot an Möglichkeiten kommunizieren, anstatt bleibende Beziehungen einzufädeln. Aber das ist ein anderes Thema. Zurück zu den Porträts. Warum haben so viele Menschen ein Problem damit, sich selbst in einem Einzelporträt zu sehen?

Die Geschichte des Porträts

Die meisten Porträts waren vor wenigen hundert Jahren noch ein Produkt der Maler und fast alles Auftragsarbeiten. Abgebildet wurden vor allem Heilige, Regenten und sonstige Personen, die eine Machtposition einnahmen. Die Bilder von ihnen halfen der Bevölkerung das eigene Bedürfnis an Unterhaltung und Ordnung zu befriedigen. Den Abgebildeten dienten die Bilder dazu, in ihren Familien die Ahnentafeln zu füllen aber auch ihren weltlichen Einfluss auszuweiten und über Distanz hinweg Präsenz zu zeigen. Auch in den abgelegensten Gemeinden gab es Bilder die einer politisch und religiös motivierten Narrative folgten.

Porträtfotografie Berlin

Heute haben wir Netflix

Mit dem Aufstieg der modernen Medien, wie dem Fernsehen, Facebook, Netflix und Instagram kamen natürlich weitere Gesichter dazu: die Werbe-ikonen. Menschen, die von Magazintiteln, Plakaten und unseren Bildschirmen lächeln und einfach so perfekt wirken, dass alles andere dagegen oft blass erscheint.

Doch für mich als Fotografen ist mittlerweile klar: zu einem guten Bild gehört auch oft der „production value“ Die Bilder, die wir in den Medien sehen, zeigen nur selten die Wirklichkeit, sondern ein gut produziertes Abbild. Damals wie heute werden Bilder benutzt, um eine erstrebenswerte Illusion zu vermitteln.

Vielleicht gehen deshalb die meisten Menschen erstmal instinktiv auf Distanz zum eigenen Bild. Man sei ja nicht hübsch oder spannend genug, um sich so zu inszenieren, wie die (Einfluss-)Reichen und Schönen dieser Welt. Manche haben sogar Angst davor zum Fotografen zu gehen, weil der emotionale Schmerz oft genauso schwer wiegt, wie beim Zahnarzt. Dabei tut es doch nicht weh fotografiert zu werden, der eigene zu kritische Blick auf sich selbst jedoch.

Doch was wäre, wenn diese Distanz zum eigenen Bild, und der kritische Blick auf das eigene Abbild vor allem daraus resultiert, dass wir im digital medialen Umfeld ein zu perfektes Bild gezeichnet bekommen?

Schönheit ist auch ein Geschäft geworden. Unzählige Beautykliniken leben davon, dass Menschen sich nicht schön genug finden. Hier ein bisschen Botox, da ein bisschen absaugen. Das hilft bei der Inszenierung der ewigen Jugendlichkeit. Doch wie bei allen Hochkulturen, kommt die exzessive Dekadenz kurz vor der Bedeutungslosigkeit.

Was ist Schönheit?

Die wahre Schönheit der Menschen ist das Glück, das man ausstrahlt. Diese Schönheit kommt von innen, aus der Ruhe, dem Fokus und der Zufriedenheit mit sich selbst und der Welt heraus. Diese Schönheit kann man sich nicht kaufen, denn es ist eine Einstellungsfrage. Doch diese Einstellung ist zum großen Teil geprägt aus den visuellen Vergleichen, die wir unbewusst mental konsumieren und konstruieren.

Wir müssen uns fragen, wie real ist die augenscheinliche Wirklichkeit in den Medien? Und dann erinnert man sich wieder an die Maler der Renaissance. Es wird alles stilisiert dargestellt. Jedes Bild ist subjektiv. Jeder Künstler sieht anders, schon der Ausschnitt und Moment des Bildes bestimmen maßgeblich über das, was der Betrachter später sieht. Vielleicht ist es daher wirklich eine Frage des Betrachters – Wie sagt man so schön: „Du siehst das, was Du sehen willst.“ So ist auch unsere Sicht auf uns selbst eine Frage des Gefühls. Wie fühlen wir uns mit uns selbst?

In dem Augenblick, wo vor 500 Jahren die Personen noch stundenlang Modell standen für ihr Bild, da hatte das Abgebildet werden etwas Kontemplatives. Die Auftraggeber oder Musen verharrten in Stille mit sich selbst und auch daraus entstand eine besondere Stimmung. Heutzutage erwartet man oft, dass ein gutes Bild in wenigen Minuten entsteht. Dabei vergisst man oft, dass es eigentlich nicht nur der Schnappschuß ist, den man später sucht, sondern einen besonderen Moment der Stille, der Konzentration und der Magie. Denn was wäre ein Foto ohne diese gewisse Magie, das Besondere, dass einem guten Bild innewohnt und den Betrachter förmlich hineinzieht.

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